Philosophie

Menschen werfen Dinge weg, die ihnen früher etwas bedeutet haben. Schrottteile sind Kostbarkeiten für mich. Wenn ich etwas finde, freue ich mich. Die Teile werden von mir zuerst gereinigt, dann lege ich sie zu den anderen. So entsteht nach und nach eine Komposition, die mich anregt loszulegen. Jetzt kann die wirkliche Arbeit beginnen. Die Fundsachen klebe ich auf Wellpappe oder Hartfaserplatten. Ich schraube, nagle oder verbinde die Teile mit großen Drähten. Am liebsten arbeite ich mit Holz, das vom Wasser geglättet, oder mit rostigem Blech, das durch die Witterung verändert wurde.

Ich freue mich aus vergessenen und weggeworfenen Teilen eine neue Verbindung zu schaffen.

Es ist nie einfach die eigenen Bilder zu beschreiben, lesen Sie doch einfach was andere zu meinen Werken gesagt haben.

Ulrich Gineiger

Altmetall-Dialog“ Ulrich Gineiger – Walburga Poeplau

U. Gineiger Wenn wir uns angucken welche Menschen, die mit Leidenschaft ihrem Beruf nachgehen, warum sie das tun, dann kommt man auf ganz verblüffende Einstiegsgeschichten. Sie kennen vielleicht das Buch von Anthony Gordon – den Küchenchef aus New York, der das Buch geschrieben hat „in Teufels Küche“. Und er beschreibt, wie er das erste Mal in seinem Leben als 9jähriger auf eine Auster gebissen hat und plötzlich gibt es eine Explosion im Kopf und im Gaumen und der ganze weitere Lebensweg steht fest. Und ich glaube das ist der Einstieg in unser Gespräch. Was war es bei dir, welches Ereignis war es?

W. Poeplau Also, das Hauptereignis war eigentlich der Rainer Herbst mit den Collagen. Mein Einstieg war die Fotografie mit den Abrisswänden, wo man alte Wände findet, also Abrisswände, wo Menschen gelebt haben, was mich sehr berührt hat. Das war eigentlich der Einstieg. Und dann kam Rainer Herbst und der machte wunderschöne Arbeiten, ähnlich wie Kurt Schwitters, und ich habe mit ihm gesammelt und immer schöne Materialien gefunden. Ja, das war Mitte der 80er. Wir haben immer so schöne Sachen gefunden und er hat sie verarbeitet und dann habe ich immer zwischendurch gesagt: ich würde das so anders machen oder mit den Farben. Und dann hat er gesagt: weiß du was, mach doch deine eigenen Bilder, mach es doch selber. Und dann habe ich so schöne Sachen gefunden – die hatte ich ihm, als wir schon getrennt waren, immer noch gegeben – und dann dachte ich nö, jetzt behalte ich sie selber, jetzt mache ich meine eigenen Sachen. So ging das eigentlich los.

U. Gineiger Und dann ging es 1988 weiter. Verlorengegangenes, das war ein neuer Gedanke, der sich aus dem ersten ergab?

W. Poeplau Ja genau, du findest die Sachen und da steckt ja auch eine Geschichte hinter. Da hat jemand das besessen, geehrt, verehrt oder da hing auch irgendwie Glück oder Unglück dran. Und dann finde ich das und das weiß ich ja nicht, war das jetzt Unglück oder Glück. Aber wenn es zu mir kommt dann soll es glücklich werden. Deswegen verbinde ich das.

U. Gineiger Wenn das so ist, dann verbindet man mit diesen Collagen ja auch wieder verschiedene Schicksale, Glück und Unglück. Weiß der Teufel was da passiert ist, was eine neue Einheit auslöst.

W. Poeplau Ja, die finde ich dann und sie sollen glücklich sein.

U. Gineiger Es ist für mich persönlich manchmal eine gewisse Peinlichkeit zu sehen, auf welche Titel manche Künstler kommen… Wenn Sie sich hier die Titel anschauen, die Walburga gefunden hat, die sind ganz schön stimmig und zum Teil humorvoll. Da hinten zum Beispiel diese Anspielung auf den Adel. Wie hast du es genannt?

W. Poeplau Ausgeeckter Adel.

U. Gineiger Wie kommt man auf die Idee, wie gehst du da vor?

W. Poeplau Ich bin da gefühlsmäßig vorgegangen. Das weiß ich nicht vorher. Ich guck mir das an und was bei mir ankommt. Und da dieser Rahmen halt so sehr edel ausgesehen hat, sicher mal, und diese Ecke war einfach schon ab, die habe ich nicht abgebrochen. Der Rahmen hatte einfach einen Ratsch ab.

U. Gineiger Einen Zacken in der Krone.

W. Poeplau Ja, und ich will ja auch nicht so lange Titel, und da ist ausgeeckter Adel doch schön, oder?

U. Gineiger Ich will gerade noch auf ein Erlebnis kommen. Ganz am Anfang sagte ich also, man sieht diese Frau mit dem Fahrrad und hinten drauf Schrott und manche Menschen haben Mitleid und da hast du auch ein ganz bestimmtes Erlebnis.

W. Poeplau Ja genau. Da habe ich am Rhein einiges gefunden, ziemlich große Teile, Bleche und Eisen und so an mein Fahrrad gehangen und dann ging die Ampel auf Rot und dann stehe ich da und da guckt ein Mann mich so mitleidig an und sagt „lohnt sich das überhaupt noch?“

U. Gineiger Wir kennen ja die Antwort, wir wissen ja was daraus geworden ist. Es gab eine weitere Geschichte, da war einmal jemand zu Tränen gerührt.

W. Poeplau Ja genau. Das war voriges Jahr in der Ausstellung in Frankfurt. Der Mann wartete schon heiß und innig auf mich, weil er so hin und her gerissen war. Und da kam ich da hin und er guckte und der hatte wirklich Tränen in den Augen. Er hat sich immer vorgestellt, man müsste mit dem Abfall oder mit dem was auf der Straße liegt irgendetwas machen. Und dass ich das so wunderschön auch noch hinbekommen habe, das hätte er nie gedacht.

U. Gineiger Ja, wir haben ja vorhin erlebt, so die einzelnen Stationen die es gibt, angefangen mit den Fotos, da hat alles begonnen und jetzt die wieder aktuell sind – da kommen wir später noch drauf -, dann kam eine relativ wilde Zeit und jetzt kommt eher die geordnete, die Farbe kommt ins Spiel. Wo kann das denn hinführen. Oder ist das jetzt zu spekulativ?

W. Poeplau Soll ich das jetzt schon sagen? Ich glaube reduzierter. Also was mir so vorschwebt, dass ich mehr untergründig in schwarz-weiß arbeite und reduzierter darauf gehe. Aber man weiß es ja nicht. Wer weiß was wieder im Kopf entsteht.

U. Gineiger Hier hängt ein Sattel und als ich diesen Sattel gesehen habe, hab ich gesagt Walburga, das ist geklaut. Denn der Picasso hat den Stierkopf fast genau so gemacht. Aber sie sagt nein, da ist eigentlich ein eigener Gedanke dahinter. Und das hat auch damit zu tun, dass hier etwas Rötliches zu sehen ist. Wie war das?

W. Poeplau Ja, also ich habe mich nicht an Picasso gehalten oder das hat mich gar nicht interessiert was andere gemacht haben. Ich habe es ineinander gegossen damit es hält und – soll ich das denn sagen? – das ist Blut, da hat sich einer wund gefahren…

U. Gineiger …Wenn Sie jemals von Walburga eine Einladung bekommen sollten einen Spaziergang am Rhein zu machen, überlegen Sie es sich genau. Ich hab’s erlitten. Wenn man nicht weiß worum es geht, alle zwei Meter bleibt die Frau stehen und hebt irgendetwas auf. Was will sie mit dem Schuhrest, frage ich mich. Jetzt hab ich’s verstanden.

(siehe abspielbares Interview….)

Katharinna Klaus

Betrachtet man die Collagen von Walburga Poeplau, findet man Gegenstände, die einem vertraut sind: Wellbleche, verrostete Metallstücke, Haushaltsgegenstände, Spielzeug, verwaschenes Holz und vieles mehr.

Im Dialog mit scheinbar widersprüchlichen Elementen (wo trifft schon ein abgerissener Koffergriff auf Schleifpapier?) eröffnet sich uns eine neue allumfassende Sichtweise. Es ist die Liebe zu allem scheinbar Gegensätzlichen oder Vergänglichen, ohne die eben nichts Neues entstehen kann: der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, politischer oder religiöser Weltanschauung, das Alter und auch der Tod… Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich in der Arbeit von Poeplau selbst ihre spirituelle Ausrichtung, in der alles mit allem in Liebe verbunden ist, offenbart. Das Leben – so auch das Werk von Walburga Poeplau – besteht eben nicht aus der Summe seiner Teile.

Beobachtet man Poeplau bei ihrer Arbeit, so sieht man, wie sie jedes einzelne Element liebe- und respektvoll in die Hand nimmt, es betrachtet und ihm überlässt, mit welchem anderen Fundstück es in Beziehung treten möchte. Sie erlaubt jedem Stück, so zu „sein“, wie es zu ihr gekommen ist: genau so, wie es in seiner „weggeworfenen“, ans Ufer gespülten und veränderten Form zu ihr gelangt ist, darf es auch bleiben und muss nicht angemalt, restauriert, zerstört oder veredelt werden. In der Kombination mit anderem „Schrott“ erstrahlt jedes Element zu neuem Leben, ohne das Alte darin zu zerstören. Ja, es ist die Liebeserklärung von Poeplau an das Leben selbst, das ihr Werk ausmacht! Alles ist im Fluss und vergänglich, nichts kann konserviert werden. Das ganze Leben unterliegt einem Prozess, der niemals abgeschlossen ist. So ist es eben auch in Ordnung, wenn ihre Werke sich nach „Fertig“-Stellung weiterhin verändern dürfen: Gartenskulpturen z. B. können nachrosten, durch Sonne und Witterung ihre Farbe verändern.

Staunend stehen wir vor den Collagen, die uns die ersten Kapitel einer Geschichte erzählen können, während in diesem Moment ein neuer Abschnitt geschrieben wird – das Buch ist noch nicht vollendet, die letzte Seite ist leer…
Köln, November 2011

Barthel Schmitz

Sie begann als Sammlerin und ist es bis heute geblieben.
Mit Fotografien von Abbruchwänden an alten Häusern und Fassaden von Gebäuden sammelte sie die Spuren vom Leben der Menschen, um diese ein wenig länger zu bewahren oder dem scheinbar Wertlosen neues Leben einzugeben.
In vielen Jahren danach, von Mitte der 80er Jahre bis zum heutigen Tag, sammelte Walburga Poeplau das was andere Menschen wegwerfen, liegenlassen und für wertlos halten.

Liebevoll und mit Energie werden diese Teile gesäubert, sortiert und zur weiteren Verwendung gelagert. Wenn dann die eigentliche Arbeit an den neuen Materialbildern, Collagen oder Skulpturen beginnt, werden die scheinbar wertlosen Fundstücke liebevoll und mit einem ganz sicheren Gefühl für die Harmonie der Materialien zusammengefügt und auf Brettern, Blechen, Schaltafeln oder einfach so zusammengefügt und miteinander verbunden.

Und jetzt passiert etwas ganz Erstaunliches. Die scheinbar toten alten Gegenstände erwachen zu neuem Leben. Gemeinsam mit den ihnen zugeordneten anderen Teilen werden sie zu einem neuen, kraftvollen und aussagekräftigen Bild, welches den Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln oder zum Gespräch drängt. Aus totem Material ist ein lebendiges Bild oder Objekte geworden.

So bewirken die Werke von Walburga Poeplau, dass man sehr schnell zu der Erkenntnis kommt, dass das Alte und scheinbar Wertlose sehr wohl einen eigenen, großen Wert und eine eigene Schönheit besitzen.
Wir müssen nur unsere Augen öffnen und mit unseren Seelen erkennen.
Zeigt uns der ständige Wechsel des Materials doch auch unser eigenes Leben, unser Wachsen in der Jugend, die Schönheit und das kraftvolle Leben, sowie den Verfall, aber auch eine neue Schönheit in einem anderen Leben.