Philosophie

Menschen werfen Dinge weg, die ihnen früher etwas bedeutet haben. Schrottteile sind Kostbarkeiten für mich. Wenn ich etwas finde, freue ich mich. Die Teile werden von mir zuerst gereinigt, dann lege ich sie zu den anderen. So entsteht nach und nach eine Komposition, die mich anregt loszulegen. Jetzt kann die wirkliche Arbeit beginnen. Die Fundsachen klebe ich auf Wellpappe oder Hartfaserplatten. Ich schraube, nagle oder verbinde die Teile mit großen Drähten. Am liebsten arbeite ich mit Holz, das vom Wasser geglättet, oder mit rostigem Blech, das durch die Witterung verändert wurde.

Ich freue mich aus vergessenen und weggeworfenen Teilen eine neue Verbindung zu schaffen.

Es ist nie einfach die eigenen Bilder zu beschreiben, lesen Sie doch einfach was andere zu meinen Werken gesagt haben.

Ulrich Gineiger

Galerie Smend, Köln, 26.10.2012:  „Altmetall-Dialog“   Ulrich Gineiger – Walburga Poeplau 

U. Gineiger Wenn wir uns angucken welche Menschen, die mit Leidenschaft ihrem Beruf nachgehen, warum sie das tun, dann kommt man auf ganz verblüffende Einstiegsgeschichten. Sie kennen vielleicht das Buch von Anthony Gordon – den Küchenchef aus New York, der das Buch geschrieben hat „in Teufels Küche“. Und er beschreibt, wie er das erste Mal in seinem Leben als 9jähriger auf eine Auster gebissen hat und plötzlich gibt es eine Explosion im Kopf und im Gaumen und der ganze weitere Lebensweg steht fest. Und ich glaube das ist der Einstieg in unser Gespräch. Was war es bei dir, welches Ereignis war es?

W. Poeplau Also, das Hauptereignis war eigentlich der Rainer Herbst mit den Collagen. Mein Einstieg war die Fotografie mit den Abrisswänden, wo man alte Wände findet, also Abrisswände, wo Menschen gelebt haben, was mich sehr berührt hat. Das war eigentlich der Einstieg. Und dann kam Rainer Herbst und der machte wunderschöne Arbeiten, ähnlich wie Kurt Schwitters, und ich habe mit ihm gesammelt und immer schöne Materialien gefunden. Ja, das war Mitte der 80er. Wir haben immer so schöne Sachen gefunden und er hat sie verarbeitet und dann habe ich immer zwischendurch gesagt: ich würde das so anders machen oder mit den Farben. Und dann hat er gesagt: weiß du was, mach doch deine eigenen Bilder, mach es doch selber. Und dann habe ich so schöne Sachen gefunden – die hatte ich ihm, als wir schon getrennt waren, immer noch gegeben – und dann dachte ich nö, jetzt behalte ich sie selber, jetzt mache ich meine eigenen Sachen. So ging das eigentlich los.

U. Gineiger Und dann ging es 1988 weiter. Verlorengegangenes, das war ein neuer Gedanke, der sich aus dem ersten ergab?

W. Poeplau Ja genau, du findest die Sachen und da steckt ja auch eine Geschichte hinter. Da hat jemand das besessen, geehrt, verehrt oder da hing auch irgendwie Glück oder Unglück dran. Und dann finde ich das und das weiß ich ja nicht, war das jetzt Unglück oder Glück. Aber wenn es zu mir kommt dann soll es glücklich werden. Deswegen verbinde ich das.

U. Gineiger Wenn das so ist, dann verbindet man mit diesen Collagen ja auch wieder verschiedene Schicksale, Glück und Unglück. Weiß der Teufel was da passiert ist, was eine neue Einheit auslöst.

W. Poeplau Ja, die finde ich dann und sie sollen glücklich sein.

U. Gineiger Es ist für mich persönlich manchmal eine gewisse Peinlichkeit zu sehen, auf welche Titel manche Künstler kommen… Wenn Sie sich hier die Titel anschauen, die Walburga gefunden hat, die sind ganz schön stimmig und zum Teil humorvoll. Da hinten zum Beispiel diese Anspielung auf den Adel. Wie hast du es genannt?

W. Poeplau Ausgeeckter Adel.

U. Gineiger Wie kommt man auf die Idee, wie gehst du da vor?

W. Poeplau Ich bin da gefühlsmäßig vorgegangen. Das weiß ich nicht vorher. Ich guck mir das an und was bei mir ankommt. Und da dieser Rahmen halt so sehr edel ausgesehen hat, sicher mal, und diese Ecke war einfach schon ab, die habe ich nicht abgebrochen. Der Rahmen hatte einfach einen Ratsch ab.

U. Gineiger Einen Zacken in der Krone.

W. Poeplau Ja, und ich will ja auch nicht so lange Titel, und da ist ausgeeckter Adel doch schön, oder?

U. Gineiger Ich will gerade noch auf ein Erlebnis kommen. Ganz am Anfang sagte ich also, man sieht diese Frau mit dem Fahrrad und hinten drauf Schrott und manche Menschen haben Mitleid und da hast du auch ein ganz bestimmtes Erlebnis.

W. Poeplau Ja genau. Da habe ich am Rhein einiges gefunden, ziemlich große Teile, Bleche und Eisen und so an mein Fahrrad gehangen und dann ging die Ampel auf Rot und dann stehe ich da und da guckt ein Mann mich so mitleidig an und sagt „lohnt sich das überhaupt noch?“

U. Gineiger Wir kennen ja die Antwort, wir wissen ja was daraus geworden ist. Es gab eine weitere Geschichte, da war einmal jemand zu Tränen gerührt.

W. Poeplau Ja genau. Das war voriges Jahr in der Ausstellung in Frankfurt. Der Mann wartete schon heiß und innig auf mich, weil er so hin und her gerissen war. Und da kam ich da hin und er guckte und der hatte wirklich Tränen in den Augen. Er hat sich immer vorgestellt, man müsste mit dem Abfall oder mit dem was auf der Straße liegt irgendetwas machen. Und dass ich das so wunderschön auch noch hinbekommen habe, das hätte er nie gedacht.

U. Gineiger Ja, wir haben ja vorhin erlebt, so die einzelnen Stationen die es gibt, angefangen mit den Fotos, da hat alles begonnen und jetzt die wieder aktuell sind – da kommen wir später noch drauf -, dann kam eine relativ wilde Zeit und jetzt kommt eher die geordnete, die Farbe kommt ins Spiel. Wo kann das denn hinführen. Oder ist das jetzt zu spekulativ?

W. Poeplau Soll ich das jetzt schon sagen? Ich glaube reduzierter. Also was mir so vorschwebt, dass ich mehr untergründig in schwarz-weiß arbeite und reduzierter darauf gehe. Aber man weiß es ja nicht. Wer weiß was wieder im Kopf entsteht.

U. Gineiger Hier hängt ein Sattel und als ich diesen Sattel gesehen habe, hab ich gesagt Walburga, das ist geklaut. Denn der Picasso hat den Stierkopf fast genau so gemacht. Aber sie sagt nein, da ist eigentlich ein eigener Gedanke dahinter. Und das hat auch damit zu tun, dass hier etwas Rötliches zu sehen ist. Wie war das?

W. Poeplau Ja, also ich habe mich nicht an Picasso gehalten oder das hat mich gar nicht interessiert was andere gemacht haben. Ich habe es ineinander gegossen damit es hält und – soll ich das denn sagen? – das ist Blut, da hat sich einer wund gefahren…

U. Gineiger …Wenn Sie jemals von Walburga eine Einladung bekommen sollten einen Spaziergang am Rhein zu machen, überlegen Sie es sich genau. Ich hab’s erlitten. Wenn man nicht weiß worum es geht, alle zwei Meter bleibt die Frau stehen und hebt irgendetwas auf. Was will sie mit dem Schuhrest, frage ich mich. Jetzt hab ich’s verstanden.

Interview = DLF-Sendung vom 14.08.2004:

Katharinna Klaus

Ausstellungseröffnung am 17.08.2017 in der Galerie am Pi, Weißenseifen

Betrachtet man die Collagen von Walburga Poeplau, findet man Gegenstände, die einem vertraut sind: Wellbleche, verrostete Metallstücke, Haushaltsgegenstände, Spielzeug, verwaschenes Holz und vieles mehr.

Im Dialog mit scheinbar widersprüchlichen Elementen eröffnet sich uns eine neue allumfassende Sichtweise. Denn wo trifft schon ein abgerissener Koffergriff auf Schleifpapier? Hier offenbart sich Walburgas Liebe zu allem Gegensätzlichen und Vergänglichen. Ihre Werke lösen vermeintlich unvereinbare Gegensätze auf, gleich den seltenen Momenten, in denen sich Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, politischer oder religiöser Weltanschauung zu einem harmonischen Dialog zusammenfinden. Und sie zeigen, wie aus Alter und  Tod Neues und Schönes hervorgeht. In Walburgas Arbeit spiegelt sich ihre spirituelle Ausrichtung – alles ist mit allem in Liebe verbunden.  Das Leben – so auch ihr Werk – ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

Beobachten wir nun Walburga bei ihrer Arbeit. Jedes ihrer Fundstücke nimmt sie liebe- und respektvoll in die Hand. Welche Elemente möchten miteinander in Beziehung treten? Manche finden wie von selbst zueinander – andere brauchen ein Weilchen, um eine harmonische Partnerschaft einzugehen. Dabei erlaubt Walburga ihren Fundstücken stets, so zu „sein“, wie es zu ihr gekommen sind. Sie dürfen ihre „weggeworfene“, ans Ufer gespülte und verwitterte Form behalten und müssen nicht angemalt, restauriert, zerstört oder veredelt werden. Die Kombination mit anderem „Schrott“ erweckt jedes Element zu neuem Leben, ohne das alte darin zu zerstören. Wir fragen uns: wessen Finger wurden von diesem alten Handschuh gewärmt? Wurde es zu warm, so dass er einfach liegengelassen und vergessen wurde? Welche Geschichte hat ihn in Walburgas Leben gespült und seinen Abdruck in einem ihrer Werke hinterlassen?

Walburga hat einmal gesagt: Die Dinge haben Glück oder Unglück erlebt – wer weiß das schon genau? Wenn sie zu mir kommen, sollen sie glücklich werden. Deswegen verbinde ich sie.

Ja, es ist die Liebeserklärung von Walburga an das Leben selbst, das ihr Werk ausmacht! Alles ist im Fluss und vergänglich, nichts kann konserviert werden. Das ganze Leben unterliegt einem Prozess, der niemals abgeschlossen ist. So ist es eben auch in Ordnung, wenn sich ihre Werke nach „Fertig“-Stellung weiterhin verändern dürfen: sie können nachrosten und durch Sonne und Witterung ihre Farbe verändern.

„Aus Fundstücken werden Kunststücke“ (Zitat von Jörg Störring) : Staunend stehen wir vor den Collagen, die uns die ersten Kapitel einer Geschichte erzählen, während in diesem Moment ein neuer Abschnitt geschrieben wird – das Buch ist noch nicht vollendet, die letzte Seite ist leer…

Barthel Schmitz

Ausstellungseröffnung „Alte Feuerwache“ Köln 22.05.2008

Sie begann als Sammlerin und ist es bis heute geblieben.
Mit Fotografien von Abbruchwänden an alten Häusern und Fassaden von Gebäuden sammelte sie die Spuren vom Leben der Menschen, um diese ein wenig länger zu bewahren oder dem scheinbar Wertlosen neues Leben einzugeben.
In vielen Jahren danach, von Mitte der 80er Jahre bis zum heutigen Tag, sammelte Walburga Poeplau das was andere Menschen wegwerfen, liegenlassen und für wertlos halten.

Liebevoll und mit Energie werden diese Teile gesäubert, sortiert und zur weiteren Verwendung gelagert. Wenn dann die eigentliche Arbeit an den neuen Materialbildern, Collagen oder Skulpturen beginnt, werden die scheinbar wertlosen Fundstücke liebevoll und mit einem ganz sicheren Gefühl für die Harmonie der Materialien zusammengefügt und auf Brettern, Blechen, Schaltafeln oder einfach so zusammengefügt und miteinander verbunden.

Und jetzt passiert etwas ganz Erstaunliches. Die scheinbar toten alten Gegenstände erwachen zu neuem Leben. Gemeinsam mit den ihnen zugeordneten anderen Teilen werden sie zu einem neuen, kraftvollen und aussagekräftigen Bild, welches den Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln oder zum Gespräch drängt. Aus totem Material ist ein lebendiges Bild oder Objekte geworden.

So bewirken die Werke von Walburga Poeplau, dass man sehr schnell zu der Erkenntnis kommt, dass das Alte und scheinbar Wertlose sehr wohl einen eigenen, großen Wert und eine eigene Schönheit besitzen.

Wir müssen nur unsere Augen öffnen und mit unseren Seelen erkennen.
Zeigt uns der ständige Wechsel des Materials doch auch unser eigenes Leben, unser Wachsen in der Jugend, die Schönheit und das kraftvolle Leben, sowie den Verfall, aber auch eine neue Schönheit in einem anderen Leben.

Ulrike Pfaff

Etwas in uns verlangt den Collagen eine Geschichte ab, will mit den Augen etwas wahrnehmen was wir begreifen können, etwas, was wir kennen oder vielleicht noch kennenlernen dürfen. Wir vermuten ein Geheimnis hinter den Dingen, den Mustern und Formen aus verwittertem Eisen, Plastik und Papier, wie sie sich uns Stück für Stück und lose an- und übereinandergelegt präsentieren. Dabei ist es weniger die gemeinsame Geschichte als das gemeinsame Schicksal, das die Fundstücke miteinander verbindet. Irgendwann wurden sie alle von irgendwem erworben und benutzt. Bis die ausgedient hatten und weggeworfen wurden, in den Müll oder in den Rhein. Der Fluss hat ihre Farben dann ausgebleicht, ihre Formen weichgespült und geglättet. Hat sie vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt und wieder ausgespuckt, am Strand zum Sammeln freigegeben.

Treibgut. Wie beim Spielen geht es beim Sammeln um die Sache selbst: Ich sammle, also bin ich. Ergo ist das Ergebnis, der Ertrag, immer eine Variable und hätte so oder so ausfallen können. Dem Prinzip des Zufalls folgend sind es denn meist die profanen Dinge aus dem Alltagsleben, die Walburga Poeplau findet und zu neuen, bildnerischen Welten fasst, Sammlungen ähnlicher oder gegensätzlicher Formen, Farben, Materialien: Ein Stück Tampen auf einem Fetzen Niemandsland aus schwarzem Plastik, ein Stück Fahrradschlauch, flankiert von einem Musterstreifen Resopal. Bevorzugtes Untergrundmaterial ist Sperrholz und Wellpappe, neuerdings gehören auch Abdeckbleche dazu, Fundstücke aus dem Gartenbau. „Die Dinge finden wie von selbst zueinander“, sagt Walburga Poeplau, und scheint selbst ein wenig überrascht zu sein, wie alles immer zueinander passt:  Die abgerissene Dosenlasche mit der Wäscheklammer, der rostige Eisenwinkel mit dem Plastiktannenzweig. Sie alle sind sich in ihrem ersten Leben nie begegnet und waren sich im Alltag möglicherweise sogar Feind. Wie der Schlauch und die Säge auf diesem Fluss aus ausgeschnittenen Papierorangen: Köln-Panorama ist eine Ode an den Rhein, den Dom, die Stadt und den Müll.

Walburga Poeplau thematisiert die motivische Anordnung als Umriss, als Figur. Spielt mit den gefundenen Gegenständen und Materialien, die sie zu einem geschlossenen Ganzen oder zu einem Symbol arrangiert – je nach Lesart des Betrachters. Mal rückt sie alles Gegenständliche in den Vordergrund, mal entzieht sie es unserem Blick und die Bilder geben sich als Variationen über Formen zu erkennen. Das Ergebnis scheint einer Art Ordnungstrieb entsprungen oder dem Anliegen, den Dingen endlich einen Platz zu geben, sie einander zuzuführen, als könnten sie sich gegenseitig trösten.

Das Geordnete, fast Ordentliche, sorgsam zu einem geschlossenen System Gelegte zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Künstlerin und gibt eine weitere, nicht unbedingt andere Seite von ihr preis. Von Beruf Buchhalterin fand Walburga Poeplau erst auf Umwegen zu dieser Form des künstlerischen Ausdrucks. Die Nähe zu Künstlerkreisen hat sie schon früh inspiriert, selbst kreativ zu werden. Mitte der 80er Jahre begann sie zu fotografieren: Graffiti, Holztüren, und immer wieder die aufgerissenen Fassaden alter Abbruchhäuser mit ihren freigelegten Kacheln und Tapeten. Jetzt, nach zwanzig Jahren, finden sich in ihren jüngsten Werken einige dieser Fotos wieder. Sammeln und recyceln, es bleibt das Marode, Vergängliche, das sie fasziniert.

Köln, im Januar 2003

Edla Colsman

Ausschnit: Ausstellungseröffnung 02.05.2004 im privaten Kunstgarten

(..) Frau Poeplau lässt sich inspirieren von Weggeworfenem, von Unbrauchbarem. Sie sammelt Angeschwemmtes, Schrott und Liegengelassenes und fügt es in neue Zusammenhänge ein, so dass Bildwerke von ästhetischem Reiz entstehen. Sie lässt anders als Schwitters und Picasso den Dingen ihre Eigenschaften. Ein Stück Stacheldraht behält seine unangenehme piksige Eigenart und eine Mistgabel darf weiterhin an ihre Funktion erinnern. Nur bekommen die ausgedienten Dinge in ihrem neuen Zusammenhang wieder einen Sinn und werden unverzichtbar an dem Platz, der ihnen zugewiesen wurde. Ein wenig erinnert das an die menschliche Gemeinschaft, an Ausgegrenzte, die aufblühen, wenn sie das ihnen gemäße Umfeld gefunden haben. (..)

Auf den Bildträger möchte ich Sie noch aufmerksam machen: Es sind Blechplatten, die man früher in Gärtnereien benutzt hat, um Beete abzudecken. Man braucht sie nicht mehr, sie haben aber inzwischen einen Grad von Verwitterungen erreicht, der ihnen die schönsten Farbschattierungen verleiht.

Die Fähigkeit der Künstlerin besteht darin, die Farbfelder wahrzunehmen und sie für ihre Kompositionen auszunutzen.

Sabine Schütz

Ausschnitt: Ausstellungseröffnung Kölner Bank, 04.11.2004

Klopapier  ist so ziemlich das einzige Material, das Walburga Poeplau noch nicht verarbeitet hat, nutzt sie doch sonst fast alles Gebrauchte und Benutzte, dessen sie habhaft werden kann. Der berühmte Ausspruch von Picasso „Ich suche nicht, ich finde“, könnte auch von ihr stammen. Wo sie geht und steht, entdeckt ihr Auge Formen und Gebilde in unscheinbarsten Gegenständen, die wir normalerweise überhaupt nicht wahrnehmen.

Es sind die kleinen und großen Überreste des Konsumalltags, die wir eher missachten, weil sie Abfall sind, weggeworfen, verloren oder liegengelassen, achtlos dem Schicksal ihrer materiellen Vergänglichkeit ausgeliefert. Fast alles in diesen Collagen und Assemblagen ist in seinem früheren Leben schon durch vielleicht ungezählte Menschenhände gewandert, seine Abgegriffenheit macht dies auch optisch sichtbar.

Walburga Poeplau schwört ausschließlich auf solcherart abgenutztes und ausgesondertes Material, denn nur dieses erweckt in ihrer Phantasie jenes assoziative Spiel, an dessen Ende dann eines oder auch mehrere neue Werke stehen. Fabrikneue Produkte lassen sie hingegen völlig kalt. Kaputte Spielsachen, Bürsten, Nägel, Bleche, Drähte, Deckel, Körbe…. Es ist müßig, die Bestandteile der Werke genau aufzuzählen, denn der Künstlerin selbst geht es eigentlich nie um ihre einstige praktische Funktion, sondern immer nur um die formale Erscheinung. Eine Ausnahme macht vielleicht die Arbeit, in der sie einen auf Weiberfastnacht eroberten Krawattenfetzen ihres Chefs einbaute.

Während in ihren früheren Werken oft eine ziemliche Unruhe herrscht aufgrund der Fülle der versammelten Stücke, sind die neueren Arbeiten klarer, offener und leichter geworden. Manchmal sind es nur zwei, drei Dinge, die im Zusammenspiel miteinander eine neue Harmonie als ästhetisches Objekt entfalten und auch eine Autonomie erhalten.

Betrachten wir z.B. die Arbeit, die auf der Einladung zum heutigen Abend abgebildet ist:  Wer hätte gedacht, dass man ein rostrot zerfressenes Stück Blech vor einer ausgemusterten Schleifpapierscheibe so einfach in eine romantische, fast meditative Landschaft verwandeln kann? Und Einfachheit ist ein ganz wichtiges Stichwort in Walburga Poeplaus Kunstauffassung, weshalb sie in jüngster Zeit immer reduzierter arbeitet.

Neuerdings hat sie ein Faible für die Reststücke alter Fußbodenbeläge entwickelt. „Standpunkt“ nennt sie eine Arbeit, die vom Schwarz-Weiß-Kontrast des Küchenlinoleums belebt wird. Die meisten ihrer Arbeiten haben anspielungsreiche Titel, die oft genau so spontan entstehen, wie die Collagen selbst, deren Bildexperimente sie durch Wortspielereien ergänzen. Eines ihrer neueren Werke benannte sie nach dem berühmten Tai-Chi-Symbol „Yin und Yang“ – denn Walburga Poeplau definiert sich selbst als eine sehr spirituelle Person mit ausgeprägtem sozialem Bewusstsein. Ihre Kunstwerke spiegeln dies gewissermaßen symbolisch wider: Indem die Künstlerin diese desolaten, verworfenen Elemente liebevoll annimmt und neu zusammenfügt, gibt sie ihnen ein neues Zuhause, ja verhilft ihnen sogar zu einer neue Existenz.

Helga Schmidt

Ausschnitte: Reden 2002 + 2005

Metamorphose bedeutet Umwandlung – von etwas Bestehendem in etwas völlig Neues. Und genau dieser faszinierende Vorgang passiert in den Werken von Walburga Poeplau. Die Fundstücke an sich kann man im üblichen Sinn kaum als schön bezeichnen. Aber sie werden zusammengefügt zu einem unglaublichen Gesamtergebnis von Harmonie, Schönheit und Ästhetik.

Wenn man mit Farben auf Leinwand oder Papier malt, arbeitet man mit Material, das an sich schon ästhetisch ist. Aber hier ist das ganz anders. Hier kann man wirklich sagen „das Ganze ist bei weitem mehr als die Summe seiner Einzelteile“. Es findet quasi eine Transformation oder ein Quantensprung statt. Das Profane wird umgewandelt. Es ist so wie in dem Märchen „Rumpelstilzchen“, in dem Stroh zu Gold gesponnen wird. Genau so etwas passiert hier auch. Schrott oder Müll wird transformiert in ein stimmiges Resultat. Jedes einzelne Teil ist genau an seinem Platz und es entsteht Schönheit.

Sie hat mit Fotografien angefangen – z.B. Graffiti, alte Holztüren, aber am liebsten die Außenwände von Abbruchhäusern, an denen noch Tapeten oder Kacheln zu sehen waren. Dies sind für sie Symbole von Werden und Vergehen. Früher war dort Leben, heute sind nur noch die Reste sichtbar und man weiß nicht, was aus den Menschen, die dort lebten, geworden ist. Heute entstehen manchmal Bilder aus den damaligen Fotos, denen dann einige Fundstücke hinzugeführt werden.

Ähnliche Empfindungen wie gegenüber den Abbruchhäusern hat sie auch gegenüber ihren Fundstücken. Es sind Relikte der Vergangenheit. Viele Dinge bedeuteten Werte für die Menschen, die sie einst kauften. Bei anderen steht eher die Freude an den Formen im Vordergrund.

Walburga Poeplau sammelt ihr Material z.B. am Rheinufer oder einfach auf der Straße. An schönen Teilen kann sie kaum vorüber gehen, ohne sie mitzunehmen. Sie hat eine Vorliebe für rostiges Blech, sie mag Treibholz, Ornamente, Wellpappe – die ist allerdings neu! – und vieles mehr. Sie sammelt einfach die vielen verschiedenen Dinge die ihr begegnen, wobei sie aber auch wählerisch ist und nicht einfach alles mitnimmt.

Und das Zusammenfügen nach Gefühl macht ihr Spaß, gerade dies ist ja der kreative Prozess.

Ihre Werke stehen in einer kunsthistorischen Tradition nämlich der Collagetechnik, die vor 100 Jahren von Pablo Picasso begründet wurde. Noch mehr als von ihm war sie fasziniert von sozusagen einem seiner originellen deutschen Kollegen, nämlich Kurt Schwitters, der 1910 das erste Materialbild schuf.

Im Gegensatz zu Picasso oder Schwitters lässt sie aber den verarbeiteten Dingen ihre Eigenart.

Sie kennen sicher die Skulpturen von Picasso, bei dem ein Fahrradsattel den Kopf eines Stieres bildet und ein Fahrradlenker die Hörner. In den Werken von Walburga Poeplau bleiben die Dinge, was sie sind.

In den frühen Werken ist oft eine Fülle an Material verarbeitet. In den neuen Arbeiten sind manchmal nur 2 oder 3 Teile verarbeitet. Es gibt inzwischen auch ein Werk aus nur einem Teil, also ein „Objet Trouvé“.

Sie finden bei ihr 2 Arten von Bildern, einmal für den Innenbereich und dann für den Außenraum, also z.B. Garten-, Hauswand. Der Untergrund besteht aus Blechplatten, aus der Gärtnerei ihres Lebensgefährten, die man benutzt hat, um Beete abzudecken. Durch Verwitterung entstanden interessante Farbschattierungen, die Walburga Poeplau in ihre Komposition mit einbezieht.

Die Bilder für draußen sind der Witterung ausgesetzt und verändern sich deshalb im Laufe der Zeit. Eine kreative Idee von ihr. Es ist also beabsichtigt, dass sich diese Bilder im Laufe der Zeit verändern, während das normalerweise ja unerwünscht ist.

Wie kam sie nun vom Fotografieren zum Zusammenstellen solcher Fundstücke? Ihr früherer Lebensgefährte machte Wandobjekte aus Fundstücke und sie hat mit und für ihn gesammelt. Nachdem sie sich getrennt hatten sammelte sie noch weiter für ihn. Bis, ja bis sie irgendwann die Idee hatte, selber solche Wandobjekte zu machen. Dann ging es los.

Jörg Störring

Ausstellung WDR mediagroup, 14.12.2007

Meine Damen und Herren, Liebe Frau Poeplau.

Basel, 30. März 2006

In der Nacht vom 27. auf den 28. März haben unbekannte Täter auf dem Campingplatz Basel Süd drei Ruder-Trimm-Geräte zerstört und in den Rhein geworfen.

Drei Rudergeräte haben drei Holzsitze, Holz schwimmt, Basel – Köln 510 km, bei einer durchschnittlichen Strömungsgeschwindigkeit von 3 km/Std sind das 170 Stunden, es schwimmt Tag und Nacht, geteilt durch 24, gleich 7 Tage + 20 „ für schwierige Kurven.

Ab 6. April sah man Frau Poeplau mit Gummistiefeln und Rucksack vermehrt am Rhein suchen. – Da schlägt auch schon mal eine Welle in die Gummistiefel. Wenn Frau Poeplau dann niest, heißt das nicht „Gesundheit“, sondern „na, was neues am Rhein gefunden?“

Ich spreche zu Ihnen nicht als Galerist, auch nicht als Kunsthistoriker, sondern als stolzer Besitzer eines Werkes von Frau Poeplau. Damit bin ich einer von Ihnen, die sich heute hierher begeben haben, um sich vielleicht auch von dem Status eines Kunstliebhabers in den eines Kunstbesitzers überführen zu lassen, was auch mit Verführung zu tun hat.

Wie ihr großer Vorgänger KURT SCHWITTERS sammelt Frau Poeplau Material, das wertlos, verbraucht und schäbig ist – Abfall. Nicht-Kunst wird durch eine Form der Abstraktion und einer neuen Sinngebung in Kunst verwandelt.

Ein Kunsthistoriker, Siegfried Gohr, spricht bei diesem Vorgang von der „wilden Ehe“ der Materialien. Das ist ein schönes Bild für die Zusammenfügung von Materialien, die vorher nichts miteinander zu tun hatten, sich nicht „kannten“ und nun in einer Collage eine Verbindung eingehen.

So ist es auch bei unserem Bild mit dem Titel „meine alten Ahnen“!

Vom Holzrahmen, der einmal die Aufgabe erfüllen musste, den posierenden Ahnen eine gewisse Ehrwürdigkeit zu verleihen, ist der Lack ab. Der Rahmen, der einmal Halt und Haltung verliehen hat, sucht nun selbst seine ovale Form zu wahren, indem er auf eine rostende Zinkplatte montiert wurde. Beiden Materialien ist gemeinsam, dass sie ihre Glanzzeiten und ihre Funktionalität hinter sich haben.

Sie sind jetzt zweckfrei, ungebunden, das ist vielleicht eine gute Voraussetzung für eine „wilde Ehe“.

Warum haben wir dieses Bild gekauft?

Von meiner 96-jährigen Patentante habe ich einen Flügel geerbt, der in Form, Klang und mit seiner makellosen Politur eine majestätische Ausstrahlung hat, die wir etwas brechen wollten, um den Flügel in unser bürgerliches, weniger glanzvolles Ambiente einzufügen.

Da kam uns das „Abfallprodukt“ von Frau Poeplau als Kontrastprogramm gerade recht, so dass uns der Atem nicht mehr stockt, wenn wir uns dem Flügel nähern.

Damit Sie uns nicht falsch verstehen – wir haben keine Berührungsängste mit dem Instrument. Wir sind eine Familie, in der viel Kammermusik / Hausmusik gemacht wird; der Flügel also nicht nur als Statussymbol herumsteht.

Als unser Pianist den Flügel zum ersten Mal zum Klingen gebracht hatte, konnte er das „Ahnenbild“ ja nicht einfach ignorieren. Nachdem er den Titel des Bildes „meine alten Ahnen“ erfahren hatte, meinte er ganz cool: das müssen aber  ‚aus-fallende‘ Ahnen gewesen sein – sie sind aus dem Rahmen gefallen.

artlas-online

Artlas-Ausgabe II (Nov. 09 – März 10)

Für die Kölner Künstlerin Walburga Poeplau gibt es keinen Gegenstand, der es nicht würdig wäre zu einem Kunstwerk verarbeitet zu werden. Was andere Menschen achtlos liegen lassen oder wegwerfen, dass sammelt sie auf und verarbeitet es zu ihren unglaublich beeindruckenden Kunstwerken.

(..) Sozusagen identitätslos liegen die Dinge auf der Straße. Indem Poeplau sie mitnimmt, säubert und anschließend in Kombination mit den unterschiedlichsten Materialien verarbeitet, fügt sie diese Dinge in eine neue Identität ein. Harmonie ist Poeplau besonders wichtig und so gestaltet sie auch ihre Kunstwerke im harmonischen Zusammenspiel mit den Materialien.

Die Künstlerin zeigt dem Betrachter in ihren Kunstwerken Formen auf, die im alltäglichen Leben entweder nicht beachtet werden, oder denen bisher keine Bedeutung beigemessen wurde. Sie schafft damit eine neue, faszinierende Sichtweise auf Dinge, die der Betrachter kennt.

Poeplau arbeitet nicht nach vorgegebenen Themen, sondern oftmals intuitiv. Wenn sie ein neues Fundstück in der Hand hält bildet sich in ihrem Kopf meistens schon eine Collage heraus. Zudem kombiniert sie ihre Fundsachen sehr gerne spielerisch, indem sie diese in ihrem Atelier ausbreitet und dem Zufall ihre ersten Arbeitsschritte überlässt. Die Fundsachen montiert Poeplau auf Blech und Sperrholz. Die Entprodukte sind faszinierende und absolut einzigartige Kunstwerke. Und manchmal erscheint es dem Betrachter, als ob die Kunstwerke selbst leben würden. Verstärkt wir der Eindruck noch durch spezielle, plastische Objekte für den Außenbereich. Denn hier verändern sich einige Materialien mit der Witterung und erwecken so den eindruck lebendiger Kunstwerke.

Artlas … on tour … Jennifer Held bereist die Kunstwelt – Oktober 2009:

Die Rodenkirchener Künstlerin Walburga Poeplau traf ich zum ersten Mal bei der Veranstaltung „Kultur in der Sackgasse“ in Weiß.

Etwas abgelegen in einem Kellerraum zeigte sie dort einen Ausschnitt ihres langjährigen, künstlerischen Schaffens. Ich war sofort von ihren Arbeiten begeistert. Deshalb nutzte ich natürlich direkt die Chance sie bei den „Offenen Ateliers“ in Köln näher kennen zu lernen.

Wenige Stunden vor der Abfahrt in meinen Urlaub öffnete Poeplau mir und meiner Kollegin Annette Quast die Tür zu ihrer Wohnung und zu ihrem Atelier. Einen Raum nutzt sie ausschließlich zur Präsentation ihrer Werke,  während sie in dem anderen nicht nur ausstellt, sondern auch arbeitet.

Was für andere Menschen „nur Schrott“ ist, das verarbeitet Walburga Poeplau in ihren Werken. Sie komponiert „ihren Schrott“ zu harmonischen Kunstwerken, die in ihrer Art und Weise einzigartig sind.

Mittlerweile sammelt sie aber nicht nur selbst den Schrott zusammen, sondern Familie und Freunde bringen ihr aus aller Welt immer wieder etwas Neues mit.

Begeistert „wühlte“ ich mich regelrecht durch Poeplaus Atelier. „Die Besucher nehmen zu wenig in die Hand, haben Angst, etwas kaputt zu machen“, sagte die Künstlerin.

Der Besuch in Poeplaus Atelier ist mehr als lohnend. Eine so eindrucksvolle und schöne Stimmung habe ich selten erlebt.